Diabetes und Ernährung - Teil I

 

Dr. Karmen Elcic-Mihaljevic · Ärztin für Allgemeinmedizin

(Vortrag für Diabetiker Hainburg · 04.11.2004)

 

ZUSAMMENFASSUNG

Eine ausgewogene Mischkost ist die Grundlage der Ernährungstherapie für Diabetes mellitus und unterscheidet sich prinzipiell nicht von den Ernährungsempfehlungen für die Stoffwechselgesunde. Die individuelle Anpassung hängt von Lebensalter, Sport, Körpergewicht,  Alltagstätigkeit, Diabetestherapie, Begleiterkrankungen und Diabeteskomplikationen ab.

Die durchschnittliche Energiezufuhr soll mit dem Energieverbrauch übereinstimmen. Den Energiebedarf kann man auf mehrere Arten ausrechnen, eine durchschnittlich große  Person (1,70 m und 70 kg) die eine leichte Arbeit ausübt, braucht ca. 2240 kcal pro Tag. Die Rechnungen sind auf Normalgewicht basiert, dieses kann aus dem Body-Mass-Index (BMI = Körpergewicht in kg : Körpergröße m2) berechnet werden: eine normalgewichtige Person hat BMI von 18.5 – 24.9 kg/m2.

Die Nährstoffe kann man auf Eiweiß, Kohlenhydrate, Fett, Mineralstoffe, Spurelemente, Vitamine und Flüssigkeit einteilen, die liefern dem Körper unterschiedlich viele Kalorien: 1g Eiweiß sowie 1g Kohlenhydrate liefert 4 kcal, 1g Fett  liefert 9 kcal, 1g Alkohol 7 kcal. Die optimale Nährstoffverhältnis ist wie folgt: Eiweiß 20%, Kohlenhydrate 50% und Fette 30% der Gesamtenergie. Mineralstoffe, Spurelemente und Vitamine, sowie Wasser liefern keine Energie.

Eiweiß ist der wesentliche Baustein des Körpers, wir brauchen täglich ca. 0.8 g pro kg Normalgewicht. Nach der Herkunft unterscheiden wir tierisches und pflanzliches Eiweiß; das tierische Eiweiß hat höhere biologische Wertigkeit (höherer Gehalt an essentiellen Aminosäuren - das sind solche Aminosäuren, die durch die Nahrung eingenommen werden müssen; der menschliche Körper kann die selbst nicht erzeugen).  Praktische Richtlinien: wöchentlich 1-2 mal Fleisch (je 100-150 g), 2-3 mal Fisch; 3 Eier; Wurst weitgehend meiden; täglich: ¼-½ l  Milchprodukte (fettarm); 50 g fettarmer Käse.

Kohlenhydrate sind die bedeutendsten Energielieferanten für den Körper, wir brauchen täglich ca. 4-5 g pro kg Normalgewicht. Zufuhr von Kohlenhydraten beeinflusst direkt  das Blutzuckerverhalten: außer die Menge, entscheidend ist hier auch die Aufnahmegeschwindigkeit aus dem Verdauungstrakt. Diese kann man als Glykämischer Index  (GI) ausdrucken. Je niedriger GI, desto langsamer ist der Blutglukoseanstieg. Glukose hat ein GI von 100%. Das Verzehr von Kohlenhydraten mit niedrigeren GI (unter 45%) kann die metabolische Kontrolle beim Diabetikern verbessern und das Risiko für Diabetes und Herzkrankheit vermindern. Praktische Richtlinien: täglich 2 Scheiben Brot, 1 Portion Reis oder Nudeln (150-200 g gekocht) oder 4-5 Stück Kartoffeln (250-300 g), viel Gemüse, 2-3 Stück Obst. Den Glykämischen Index kann man durch folgende Maßnahmen verringern:  Kohlenhydrate nicht zerkochen, Zucker meiden, wenn Süßhunger dann am besten dunkle Schokolade (70% Kakao), Obst frisch und in Originalform konsumieren, statt Weißbrot, Semmeln und Baguette lieber  Vollkornrogenbrot und Pumpernickel, statt Cornflakes lieber Vollkornmüsli, statt Kompott und Marmelade lieber frisches Obst, statt tropische Früchte lieber heimisches Steinobst, statt ein Gläschen Bier lieber ein Gläschen Wein.

Hilfe für die Insulinspritzenden: 1BE (Broteinheit) = 12 g Kohlenhydrate

Süßungsmittel:

Saccharose (Haushaltszucker) kann auch von Diabetikern konsumiert werden (max 10% des Tagesenergiebedarfes, bei Übergewicht meiden).

Künstliche Süßstoffe (Acesulfam, Aspartam, Cyklamat, Saccharin) sind durch eine hohe Süßkraft gekennzeichnet und haben wenig Auswirkung auf Blutzuckerspiegel. Als Süßungsmittel von Getränken erscheint die Verwendung von diesen Stoffen als sinnvoll (auch weniger Karies in Vergleich mit Verwendung von Saccharose).

Fett dient dem Körper als Energiedepot, als Hormongrundlage, als Träger fettlöslicher Vitamine und zum Schutz mancher Organe. Der tägliche Bedarf beträgt etwa 1g pro kg Normalgewicht. Nach der Herkunft unterscheiden wir tierisches und pflanzliches Fett; nach chemischer Struktur Cholesterol (ca. 2% von Gesamtmenge der verzehrten Fetten) und Triglyceride (ca. 98% von Gesamtmenge der verzehrten Fetten). Triglyceride werden durch Verdauung in Glycerol und Fettsäuren gespaltet. Fettsäuren kommen als gesättigte, ungesättigte und trans-Fettsäuren vor. Die gesättigten Fettsäuren sind vorwiegend in tierischen Produkten, aber auch im Kokosfett, Palmkernfett und in Kakaobutter vorhanden. Trans-Fettsäueren entstehen künstlich als unerwünschte Nebenprodukte bei der industriellen Härtung von Pflanzfetten (z.B. Margarineproduktion) und kommen in Fertigprodukten (Kuchen, Backwaren, Schokoladaufstriche, Fastfood, frittierte Ware, usw.) vor. Gesättigten und trans-Fettsäuren begünstigen Anstieg der Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin und somit erhöhen das Risiko für Herzerkrankungen, aber auch für Zuckerkrankheit (Typ 2). Diese soll man daher soweit wie möglich meiden. Einfach ungesättigten Fettsäuren findet man vor allem in pflanzlichen Ölen (z.B. Olivenöl, Mandelöl, Rapsöl, Olivenmargarine, Haselnüsse, Macadamnüsse, Mandeln, Avocado, Oliven). Sie haben eine günstige Wirkung auf Blutfette. Von mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind 2 essentielle Fettsäuren nennenswert: Ω-6- und Ω-3-Fettsäure. Die ideale Verhältnis zwischen diesen zwei Gegenspieler wäre 1:1, leider ist diese Verhältnis in der modernen Gesellschaft in der Richtung von Ω-6-Fettsäure verschoben; die Konsequenz ist das erhöhte Risiko für Gefäß- und Herzerkrankungen. Ω-6-Fettsäure kommt in Maiskeimöl, Distelöl, Sonnenblumenöl, Margarine, Frittieröl, Fleisch, Eier, Käse, Schweineschmalz, Leberwurst, vor; reich an Ω-3-Fettsäure sind Leinöl, Wallnussöl, Rapsöl, grünes Blattgemüse, Fisch (Thunfisch, Lachs, Hering, Makrele, Sardine, Sardelle, Aal), Algen. Regelmäßiges Nussverzehr sinkt das Risiko für Herzinfarkt. Praktische Richtlinien: täglich insgesamt 60-80g Fett, davon ⅓ als Streichfett (mager Topfen, Olivenmargarine, Schwarzbrot in Olivenöl getunkt), ⅓ Kochfett (= 2 Esslöffel: 1 EL Olivenöl für kochen / dünsten oder 1 EL Rapsöl für braten in Pfanne + 1 EL Olivenöl für Salat), ⅓ verstecktes Fett (Wurst, Käse, Milch, Fleisch, Fisch, Nüsse…); täglich max. 300mg Cholesterin; so wenig wie möglich gesättigten und trans-Fettsäuren, (jedenfalls weniger als 8% der Gesamtenergie); Fischverzehr steigern (ideal 2-3 mal wöchentlich). Täglich 20 g Nüsse ist viel günstiger als täglich 20g Butter als Streichfett!

Getränke:

Energie- und zuckerfreie Getränke sind z.B. Mineralwasser, Leitungswasser und ungezuckertes Tee. Täglicher Bedarf: 2.5-3 Liter. Diese Getränke, sowie Kaffee ohne Milch mit künstlichem Süßstoff, haben keine blutzuckererhöhende Wirkung.

Eine Alkoholzufuhr von 20g pro Tag  ist für meisten Menschen akzeptabel. Diabetiker, die Insulin spritzen oder Sulfonylharnstoffpräparate einnehmen, sollten alkoholische Getränke nur in Verbindung mit einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit einnehmen (Hypoglykämie Gefahr!). 

 

Literatur bei Verfasser